Häme um ein „Schulz-Zitat“ – Ist das guter Journalismus?

Häme um Schulz-Zitat "gehe nicht in ein Merkel-Kabinett". Foto: Google-Bilder/Medien News Blog
Häme um Schulz-Zitat "gehe nicht in ein Merkel-Kabinett". Foto: Google-Bilder/Medien News Blog
"Schulz will als Außenminister ins Kabinett Merkel" - nach den Koalitionsverhandlungen zur Neuauflage einer #GroKo war das für viele die "Nachricht des Tages". Häme kam auf. Mit Blick auf einen Tweet des Journalisten Dirk von Gehlen beschäftigt uns die Frage "Ist das guter Journalismus?".

Nahezu alle Kanäle wiederholten einen Video-Clip mit Martin Schulz aus einer Pressekonferenz, indem er seinen Verzicht auf einen Ministerposten in einem möglichen Kabinett Merkel in alle Welt hinausposaunte.

„Ist das noch guter Journalismus?“ fragt der Autor und Journalist Dirk von Gehlen („Social Media/Innovation“ bei der Süddeutsche Zeitung) in einem Tweet @dvg. „Man sollte nachfragen, warum er seine Meinung geändert hat.“:

Zum Hintergrund: Da war diese denkwürdige Pressekonferenz nach der Bundestagswahl, am 25. September 2017. Schließen Sie aus, dass Sie in ein Kabinett unter der Führung von Angela Merkel eintreten werden, fragt ein Journalist den SPD-Vorsitzenden.

Schulz antwortet eindeutig. „Ja. Ja, ganz klar. In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nicht eintreten.“

Inzwischen haben sich die Dinge geändert. Die Zeit verging. Nach langen Verhandlungen blieb die sogenannte Jamaika-Koalition auf der Strecke. FDP-Chef Lindner sagte „Lieber nicht regieren als falsch“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte Union und SPD zur Verantwortung. Beim SPD-Sonderparteitag am 21. Januar in Bonn kämpfte Schulz ums Überleben. Nach langem hin und her, kam es schließlich zu Sondierungsgesprächen und zuletzt zu Koalitionsverhandlungen. Jetzt liegt auf 177 Seiten das vorläufige Ergebnis vor.

Und die Kommentatoren schreiben „Schulz rettet sich ins Außenamt und Nahles soll es richten.“ Ja. So ist das wohl. Wir alle kennen inzwischen die ganze Geschichte.

Die Liebe der SPD zu Schulz scheint nach weniger als nur einem Jahr erloschen. So es sie überhaupt gab. Nach seinem erfolglosen Wahlkampf sinkt seine Partei in Umfragen auf unter 20 Prozent. Juso-Chef Kevin Kühnert startete mit viel Medienaufmerksamkeit seine Aktion #NoGroko. Nach den Koalitionsverhandlungen zeigte er sich #fassungslos und legte nach.

Kühnert ist intelligent genug, zu wissen, sollte sein Engagement zu einem „Nein“ der SPD-Mitglieder führen, wird seine SPD viel Zeit zur Erneuerung haben. Dann wird sie auf Jahre in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Wir Journalisten könnten @KuehniKev doch bei Gelegenheit mal fragen, welche Visionen er denn so für eine zukunftsorientierte Politik hat?

Vor diesem Hintergrund machen viele Medien Quote mit einem zweifelhaften Häme-Journalismus. Garniert mit den bekannten Politiker-Statements, die man nicht mehr hören mag. Statt klug zu kommentieren, dreschen alle auf einen sichtlich ermatteten Martin Schulz ein. Nur wenig Journalisten haben den Mut, direkt zu fragen, warum er etwa „Freund Gabriel“ als Außenminister eigenen Ambitionen opfert? Schulz‘ Antworten sind schwammig, zugegeben, nur sollte das journalistisch geistreicher bewertet werden. Womöglich nehmen die 463.000 SPD-Mitglieder es Schulz übel, dass er sich ins Außenamt rettet? Wir werden sehen.

Dirk von Gehlen und alle anderen, die sich mit den Vorgehensweisen auseinandersetzen, haben recht. Wer #NoGroko sagt, sollte wissen, was das im Erfolgsfall bedeutet. Deutschland geht politisch schweren Zeiten entgegen. Wäre das gut? Journalistisch gesehen, nur für den Boulevard.

Unsere Gesellschaft braucht mehr denn je eine neue Debattenkultur. In allen unserer Lebensbereiche. Erst denken, dann handeln. Eine alte, aber noch immer brauchbare Lebensweisheit.

Es gibt sie noch, die Journalisten, die sich trauen, in diesem Sinne zu kommentieren. Elmar Theveßens Kommentar im ZDF richtet sich an „die Kleingeister, Besserwisser, Miesmacher, die von Stillstand reden. Denen sei gesagt: Wer lesen will, ist klar im Vorteil.“ Diese Koalition muss liefern, was sie verspricht, so Theveßen. „Da steht auf knapp 180 Seiten mit vielen Worten in Wirklichkeit ein Satz: Wir kümmern uns – endlich.“

So gehts auch. Ein Journalist spricht Klartext. Das gefällt nicht jedem. Und so diskutiert die interessierte Medienwelt am Rande des Geschehens über den Kommentar von Elmar Theveßen. Gehts noch?

Die gesamtgesellschaftliche Aufgabe heißt „Erneuerung“. Deutschland und Europa brauchen eine neue Politik. Politiker, die sich für unsere Gesellschaft stark machen. Für das Gemeinwohl. Mit Blick in die Zukunft. Die Wahlen gewinnen, weil sie für das Rechte eintreten und nicht den Rechten nach dem Maul reden.

Vielleicht ja mal so ein Typ wie der Grüne Robert Habeck aus dem hohen Norden, für den es in seiner Politik um „Aufbruch, Leidenschaft und Idealismus“ geht? („Für die gesamte Partei. Warum ich für den Bundesvorsitz kandidiere„)

„Zukunft ist kein Schicksal, Zukunft lässt sich durch Teilnahme verändern“, schreibt Dirk von Gehlen („Das Pragmatismus-Prinzip„).

Die Politik braucht eine Gesellschaft, die Meinungsfreiheit nicht missbraucht. Und die Gesellschaft eine Politik, die nicht nur über Werte debattiert, sondern auch danach lebt und handelt.

Unsere Medien sollten sich für all das stark machen, anstatt mit den Endlos-Kommentaren von Links- oder Rechtspopulisten die Stimmung anzuheizen. 

Knut Kuckel

Journalist / Publizist / Mediennetzwerker. Blogs, die ich schreibe:
Knut Kuckel - Persönliches Webportal
Medien News Blog" informiert über die Themenbereiche Medien, Journalismus und Kommunikation.
→ Mieming.online - Regionales Mediennetzwerk aus Mieming in Tirol.
→ Tirol.bayern - Grenzgänger und Gipfelstürmer

Alle Beiträge

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Netzwerk

Bleiben wir in Kontakt

Aktuell

Folge mir auf Twitter

Wir über uns

Medien News Blog – Medien, Journalismus und Kommunikation. Foto: Medien News Blog

Medien News Blog veröffentlicht Hintergrundinformationen aus Medien, Journalismus und Kommunikation. Versteht sich auch als Forum für die Qualität im Journalismus. [mehr]

Google+

Medien News Blog Abo

Gib deine E-Mail-Adresse an, um Medien News Blog kostenlos zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.